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Poetry Slam 10

Slammer Kick

Am 12. November fand in Bochum ein denkwürdiges Fußballspiel statt. Die ruhmreiche Mannschaft des FC Criminale war fragmentarisch Gast der Poetry Slammer und die Begegnung wurde von einem mehrtätigen Kulturprogramm eingerahmt, das als die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam 2010 angekündigt war und fast genau so viele Zuschauer anzog, wie das sportliche Großereignis.

Traditionell trägt eine Auswahl der Poesie-Performer im Rahmen eines jeden Verbalkampf-Turniers ein Fußballspiel aus. Da aber die Bilanz der Poetry Slammer tendenziell durchwachsen ist, war man auf der Suche nach einem Aufbaugegner, den man zur Steigerung des Egos gnadenlos vom Platz fegen konnte. Unerklärlicherweise dachte man dem glorreichen FCC diese Rolle zu.

Nachdem das Spiel in allen Programmen groß angekündigt war, alle Ämter ihr Placet gegeben hatten und sich eine große Schar Balltrittwilliger und ihrer Groupies auf dem Sportgelände eingefunden hatte, das passenderweise direkt gegenüber einer JVA lag, hätte es pünktlich losgehen können.

Hätte es, hätte nicht der Platzwart Kraft eigener Herrlichkeit erklärt, dass ihm Kultur- und Sportamt Latte seien, solange sich keiner bei ihm persönlich gemeldet habe, würde er keine Kabine aufschließen. Nach einem halbstündigen Handyglühen war es dann doch so weit und die 7 Aufrechten unter den Mördern wurden genau so ins Allerheiligste eingelassen, wie die gefühlten 78 fußballwilligen Poesie-Klatscher.

Von der Idee, mit drei Mannschaften in Turnierform auf dem Kleinfeld anzutreten, nahm man dann Abstand und einigte sich darauf, dem FC Criminale alle Schweizer auf´s Auge zu drücken, die, nach einigen Sprachproblemen, überwiegend in den Sturm geschickt wurden. Es wurde für den FC Criminale das erste echte Auswärtsspiel seiner Geschichte, denn nach feuchtfröhlicher Nacht fanden sich auf den Tribünen mehr als 200 Slammer und -innen ein, die ihre Mannschaft lautstark und phantasievoll unterstützten.

Dass es überhaupt zu einem Fußballspiel kam, war jedoch der klugen Voraussicht eines Serienmörders zu verdanken, der nach einschlägigen Erfahrungen bei solchen Gelegenheiten nicht ohne Ball an gereist ware. So war wenigstens 1 (in Worten: ein) Spielgerät vorhanden, ein Schiedsrichter allerdings genau so wenig wie eine Pfeife. Man einigte sich auf Fairplay und Zuruf, was überraschenderweise klappte.

Bei orkanartigen Windverhältnissen ging es los und die Meteorologie spielte sofort eine Hauptrolle. Nach gerade mal einer Minute nahm sich der Wind bei einem Eckball desselben an und trieb ihn Fritz-Walter-like in den Winkel.
Da sah der Kralle-Ersatz im Tor ziemlich blöde aus. Bevor er überaupt einen Ball in der Hand hatte, lag selbiger schon hinter ihm. Doch zu seiner Entschuldigung kann vorgebracht werden, dass der Mann bereits 14 Tage mit gebrochenem Finger herumlief, trainierte und spielte, was aber erst am folgenden Montag diagnostiziert wurde: 4 Wochen Zwangspause und 9-Finger-Tippen.

Nach dem frühen Rückstand schafften es die Criminalen, sich immer mehr zu befreien und die jungen, laufstarken Slammer vom eigenen Tor fernzuhalten. Schädelknacker hielt selbigen in jeden Ball und an Stickinhos Körpereinsatz prallte ein Slammer-Hänfling nach dem anderen ab. Im Mittelfeld zog El Nino die Fäden und er war es auch, der die Schweizer Garde auf die Reise schickte und nach Trippel-Doppelpass schaufelten die geliehenen Eidgenossen den Ball zum Jubel der Criminalen über die Linie.

Etappensieg und Unentschieden zur Halbzeit.

Nach der Pause hatten die Mörder den Wind im Rücken, die Gegner vor und die Zuschauer weiter gegen sich. Angsichts der immer stärkeren Überlegenheit des FC Criminale versuchten sich die Jungliteraturprügler ein wenig am Autoren-Bashing und man durfte sich Gesänge wie "Ihr schreibt nur für das Altpapier!" und "Für den Tatort hat es nicht gereicht, hat es nicht gereicht, hat es nicht gereicht." anhören. Doch am gesammelten Können prallten derlei Schmähungen ab. Die Criminalen hatten alles im Griff. Fast.

Einmal waren die fußballerisch nicht unbeleckten unter den Slammern pfiffig genug, eine Überzahl wirklich auszuspielen und es stand 1:2.

Doch davon lässt sich ein Krimiautor genau so wenig unterkriegen wie von den dann eher mitleidigen Gesängen der Fans.

Man schlug zurück. Nicht eiskalt, eher mittellau, aber konsequent. Nach einem Gewaltschuss mit ca 67 km/h konnte der zweite Torwart der Performance-Artisten den Ball nicht festhalten und Eidgenosse Nr. 2 vollstreckte zum Ausgleich.
Nun hatten die Blutvergießer Blut geleckt und spielten sich in einen Rausch. Ein Angriff nach dem anderen rollte mit Windunterstützung auf das Tor der Slammer. Doch das Runde wollte nicht nochmal ins Eckige.

Bei der letzten Chance kratzte dann auch noch der Keeper einen Unhaltbaren nach einem indirekten Freistoß von der Linie.

Dann war offiziell Schluss.

Da man aber gerne einen Gewinner gefeiert hätte, entschloss man sich, noch ein Elfmeterschießen durchzuführen.
"The Wall" im Tor sollte dabei eine Hauptrolle spielen, aber anders, als er gehofft hatte.

Denn trotz 4 gehaltener Strafstöße war es am Ende der Elfmeterkiller, der die Niederlage besiegelte, als er seinen eigenen Elfmeter in Wembley-Tor-Manier ans Lattenkreuz nagelte.

So stand dann die höchst inoffizielle Niederlage fest, die in der Statistik jedoch als der zweitgrößter Erfolg in der ruhmreichen Geschichte des FC Criminale geführt wird.

Ein Unentschieden nach der regulären Spielzeit, das sich wie ein Sieg anfühlt.

Da am Ende dann doch alle auf und neben dem Feld einen Riesenspaß hatten, wurde verabredet, in Kontakt zu bleiben und bei nächster Gelegenheit (und vielleicht sommerlicheren Temperaturen) ein Rückspiel auszutragen.